Gefährden niedrige Zinsen die Altersvorsorge?

Sind niedrige Zinsen tatsächlich ein Problem für die Altersvorsorge?

Wenn Politiker publikumswirksam über niedrige Zinsen und deren dramatische Auswirkung auf die Altersvorsorge ihrer Wähler schimpfen, so betreiben diese Damen und Herren entweder publikumswirksame Folklore oder sie haben keine Ahnung. Persönlich tendiere ich aus gutem Grunde zur Ahnungslosigkeit: Niedrige Zinsen sind das Symptom eines Problems, welches man der Wählerschaft langsam aber sicher näher bringen sollte, damit sie sich davor schützen kann.

Zinsen sind nur nominal tief

Ich werde nicht müde zu erklären, dass die Zinsen nur in Bezug auf die ausgewiesene Zahl tief sind. Berücksichtigt man die Inflation, haben wir sogar einen vergleichsweise hohen Realzins. Was viele Menschen einfach nicht begreifen wollen: Wir leben nicht vom Nominalwert unseres Vermögens, sondern von der Kaufkraft desselben.
Natürlich gibt es dummdreiste Journalisten, welche darauf hinweisen, dass die Zinsen in der Vergangenheit auch NACH Berücksichtigung der Inflation schon höher waren – diese bestätigen jedoch lediglich mein Vorurteil, dass fundierter Journalismus und Axel Springer Verlag einfach nicht unter einen Hut zu bringen sind … Tatsächlich gibt es neben der Inflation nämlich noch einen weiteren Faktor, welcher hohe Zinsen relativiert: Steuern. He höher der Zins, desto höher die Steuern.

Zusammengefasst: Der reine Blick auf die niedrigen Zinsen sagt noch überhaupt nichts darüber aus, ob Zinsanlagen interessant sind oder nicht. Betrachtet man alle Faktoren, sind Zinsanlagen aktuell nicht mehr oder minder attraktiv (in Bezug auf den Ertrag) wie in den guten alten Zeiten.

Niedrige Zinsen zerstören keine Altersvorsorge

Wenn man mit Zinsanlagen nach Abzug von Geldentwertung und Steuern kein Geld verdienen kann, so kann mit Zinserträgen auch keine Altersvorsorge aufgebaut werden. NIEMALS! Natürlich kann man mit Zinswerten gutes Geld verdienen – allerdings nur, wenn man nicht auf den Ertrag setzt, sondern auf Kursbewegungen. Dies widerspricht jedoch der Gewohnheit von ca. 98 % der Bevölkerung.

Kleine Vermögen können – dank dem Sparerfreibetrag – selbstverständlich mit etwas Glück einen realen Zuwachs auf ihrem Sparguthaben erwirtschaften. Aber Hand aufs Herz: Wieviel Altersvorsorge entsteht mit 1600 EUR pro Jahr abzüglich Inflation? Nix!

Aus diesem Grunde habe ich in meiner beruflichen Praxis auch noch niemanden getroffen, der behauptet hätte, seine Altersvorsorge auf der Basis von Zinserträgen zu aufzubauen. Ich habe allerdings in der Vergangenheit schon einige Menschen getroffen, welche von den Zinsen ihres Vermögens im Alter leben wollten. Diese Menschen hatten aber definitiv kein Problem mit ihrer Altersvorsorge (und haben auch nie behauptet, ihr Vermögen durch Zinserträge aufgebaut zu haben …). Selbstverständlich hat sich inzwischen auch dieses Thema durch niedrige Zinsen – welche unter dem Fachbegriff „ewige Rente“ bekannt ist – inzwischen erledigt.

Niedrige Zinsen sind die Zukunft

Ich bin mir bewusst, dass Sie das nicht gerne hören, aber Sie sollten sich damit abfinden: Es wird auf ganz lange Sicht keine auskömmlichen Zinsen geben. Dagegen helfen auch nicht montägliche Demonstrationen im Kreise zwielichtiger Gestalten. Zinsen auf Sparvermögen gehören der Vergangenheit an. Deshalb protestieren ja Politiker/innen so gerne dagegen. Denn es ist einfacher und publikumswirksamer die guten alten Zeiten zu beschwören, statt Zukunftsvisionen zu entwerfen.

Es gibt gute, ja sehr gute Gründe, weshalb die Zinsen dauerhaft tief sind und weshalb das auch nur bedingt etwas mit der EZB zu tun hat (auch eine beliebte Zielscheibe von Politiker/innen und zwielichtigen Montagabenddemonstranten).

Es gibt zu viel Geld

Natürlich produziert die EZB viel Geld, aber auch ohne die dicke Berta wären die Zinsen sehr, sehr tief. Denn das viele Geld ist die Folge einer überalterten Gesellschaft. Je mehr Menschen Ihre große Zukunft hinter sich haben, desto mehr Sparguthaben ist verfügbar. Sparguthaben, welches einer sinkenden Nachfrage nach Krediten gegenübersteht. Denn wenn immer weniger junge Menschen nachwachsen, ist das Nachfragepotential hierzulande (und in Europa) beschränkt. Wachstum findet nicht in Europa statt, weshalb immer weniger in Europa und damit im Euroraum investiert wird.

Diese Entwicklung ist nicht unumkehrbar. Allerdings werden wir diese Trendwende wohl kaum mehr erleben …

Das Wachstum hat Grenzen

Ich weiß natürlich nicht, wie es bei Ihnen zuhause aussieht, aber unser Daheim ist relativ gut ausgestattet. Außerdem leide ich auch nicht unter Hunger, sondern habe tendenziell eher etwas zu viel auf den Rippen. Was in aller Welt sollte ich also noch zu einem Plus an Konsum und Wachstum beitragen?

Sicherlich bin ich nicht der Einzige. Zum Glück geht es in unseren Breitengraden den meisten Menschen so. Wir haben genug oder zu viel. Mehr ist in den meisten Fällen einfach nur dumm und schadet der Umwelt (noch mehr).
Wenn aber das Wachstumspotential begrenzt ist, macht es keinen Sinn weiterhin viel Geld in Wachstum zu investieren und dafür Zinsen zu bezahlen. Schlussendlich wachsen Zinsen ja nicht am Baum, sondern müssen in der Wirtschaft erarbeitet werden. Niedrige Zinsen sind also ein Spiegelbild unserer Wirtschaftserwartung.

Die 4. Industrielle Revolution

Was Gewerkschaften, Politiker/innen und zwielichtige Montagabenddemonstranten gerne außer Acht lassen: Die kommende industrielle Revolution wird – zumindest in einer Übergangszeit – zu einem neuen Massenheer an Arbeitslosen führen, weil immer mehr Arbeitsprozesse durch Computer und Maschinen erledigt werden. Diese Automatisationswelle betrifft nicht nur Kassiererinnen im Supermarkt, welche in großen Märkten bereits heute ihren elektronischen Nachfolgern bei der Arbeit zusehen können. Zunehmen wird man auch auf die Mitarbeit höher qualifizierter Berufsgruppen wie Steuerberater, Lokomotivführer, Unternehmensberater, Bankberater etc. wenn nicht ganz, so doch in Teilen verzichten können.

Womit wollen diese Menschen in Zukunft jenes Geld verdienen, welches zum wachstumstreibenden Konsum notwendig ist? Es fehlt schlicht an Zukunftskonzepten, wie die auch in Zukunft vorhandene Wertschöpfung auf alle Bevölkerungsteile (also auch die nicht mehr beschäftigten Menschen) verteilt werden soll. Wird dieses Problem nicht gelöst, steigt die Sparquote jener, die noch Arbeit haben, während die anderen als Wachstumsmotoren ausfallen.

Fiat Money

Tatsächlich haben natürlich auch die Banken (und keinesfalls nur die EZB) ihren Anteil geleistet, dass viel zu viel Geld auf dem Markt ist. Mit ihrer gesellschaftsfeindlichen Gewinnsucht haben Sie derart viel Geld geschöpft (Fiat Money), dass wahrscheinlich noch Generationen unter den Folgen dieser Perversion zu leiden haben werden.

Niedere Zinsen sind das kleinste Problem

Es ist also nicht absehbar, dass das Überangebot an Geld auf eine derart hohe Nachfrage stoßen könnte, dass die Zinsen wieder in jenen Bereich vorstoßen könnten, den Sparer in ihrer reichlich naiven Vorstellung als attraktiv ansehen. Doch wäre die Folge, wenn es trotzdem geschähe?

Vermutlich stünde die Zinswende im Zusammenhang mit einem massiven Vertrauensverlust zu Währung und Institutionen. Ein Überangebot an Geld und ein Vertrauensverlust in Bezug auf den tatsächlichen Wert der Währung ergäben wahrscheinlich eine galoppierende Inflation.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Zinssätze der Banken gleich schnell steigen würden, wie die Inflation. Sparer wären also auf jeden Fall die eigentlichen Verlierer einer solchen Entwicklung.

Auch die übrigen konservativen Anleger, welche auf Rentenpapiere und Immobilien gesetzt haben, dürften eine Überraschung erleben, welche für viele das Ende der privaten Altersvorsorge bedeuten würde: klassische Lebensversicherungen verlieren massiv Kaufkraft, laufende private und gesetzliche Renten verlieren an Wert, Rentenfonds brechen dramatisch ein und auch der Häuslemarkt dürfte extrem stark korrigieren). Eine Zinserhöhung bedeutet für Sparer also keine Stütze beim Aufbau der Altersvorsorge, sondern gefährdet im Gegenteil das Erreichte.

Niedrige Zinsen – stolze Renditen

Schützen könnte sich der durchschnittliche Privatanleger, indem er schon in Zeiten niedriger Zinsen umdenkt und vom Sparer zum Anleger wird. Er braucht dabei keinesfalls als Spekulant aufzutreten, es reicht schon, wenn er seine langfristigen Gelder in professionelle Hände gibt. Hände, welche es nachweislich gewohnt sind, sich rasch und erfolgreich auf rasch ändernde Bedingungen zu reagieren. Als ein solcher Anleger kann man trotz niedriger Zinsen auch heute noch Renditen von über 3 % nach Steuern und Kosten erzielen und ist gleichzeitig weitaus besser vor den nicht zu unterschätzenden Gefahren einer drohenden Zinswende geschützt.

Daniel S. Batt
Finanzplaner mit eidg. FA (FH)
Geschäftsführer

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