Der Brexit und seine Hintergründe

Der Brexit und seine Hintergründe

Was der Brexit mit dem Sparverhalten der Deutschen zu tun hat und weshalb man am Montagabend besser die Wirtschaftswoche liest, statt die fehlende körperliche Betätigung durch einen Marsch auf der Straße zu kompensieren.

Ein Alptraum wird wahr: alles ist Brexit!

Den 24.6.2016 werde ich wahrscheinlich niemals vergessen, den dieser Tag begann für mich mit der Meldung, dass die Briten Ihre Angst überwunden haben und gegen meine innerste Überzeugung gestimmt haben: leave! Verstehen Sie mich nicht falsch: ich liebe die Engländer. Aber bei aller Liebe hatte ich schon lange keine Lust mehr darauf mit anzusehen, wie die Briten mein Europa Schritt für Schritt aushöhlten mit Ihren Forderungen innerhalb der EU eine Sonderstellung einzunehmen. Geht doch. Und am besten nehmt ihr die Polen und die Ungarn gleich mit.

Was mich beinahe aus den Socken gehauen hat, war ein anderes Phänomen: Das Volk – egal von welcher Nationalität, Religion, Rasse – ist im Grunde immer konservativ. Will heißen, dass es Veränderungen hasst und sich lieber mit einem kaum erträglichen Ist-Zustand zufriedengibt, statt ein unbekanntes Risiko einzugehen. Das sahen wir bei Wahlen im Iran oder der Türkei, das sahen wir bei der Abstimmung zur Selbstständigkeit der Schotten. Neuland zu betreten ist für die meisten Menschen mit Angst verbunden und Menschen neigen nicht dazu ihre Ängste zu überwinden. Und nun das: der Brexit.

Glaub keinem Märchen

Nüchtern betrachtet ist das der Höhepunkt einer politischen Entwicklung, welche ich seit einigen Monaten als eine Zuwendung zum Reich der Märchen beschreibe. Man sehnt sich nach einer Welt, wie sie in den Geschichtsbüchern der rechtskonservativen Rechten beschrieben wird. An die heile Welt von früher

  • als die Demokratie noch funktionierte
  • die Reichen zwar reich, aber nicht unverschämt reich waren
  • ein Arbeitsplatz noch ein ganzes Leben lang bereit stand
  • die Sozialsysteme funktionierten und das Gesundheitswesen für alle da war und trotzdem finanzierbar war
  • die eigene Heimat noch idyllisch, unverstellt war
  • keine Wohnungsnot herrschte
  • die nächste Poststelle gleich um die Ecke lag
  • die Zahl der Gesetze überschaubar war
  • die Ausländer mit Vorliebe im Ausland zuhause waren

man mit den Zinsen auf seinem Vermögen, ein Vermögen machen konnte

Natürlich hat es diese Welt nie gegeben. Alle wissen das und trotzdem gelingt es den Populisten immer größere Menschenmassen für ihre kranken Lügen zu begeistern. Und nun geht der Glaube an die Märchenwelt soweit, dass eine Mehrheit eines an sich besonnenen Völkchens den Brexit wagt, obwohl klar ist, dass dies kein Schritt ins Ungewisse, sondern in den sozialen Abstieg bedeutet. Das fasziniert mich.

Weshalb sind die Briten schon wieder der EU beigetreten? Ach ja, weil das Land der Bedeutungslosigkeit entgegen torkelte: wirtschaftlich am Boden, politisch isoliert, militärisch überschätzt. Und dieses Großbritannien wollen die Engländer zurück. Wirklich erstaunlich.

Am Montagabend trampelt der Pöbel für verlogene Mythen

Auch Deutschland ist nicht davor gefeit alten, aber falschen Mythen nachzutrauern. Statt sich anzupassen und neu zu organisieren, jammert man den alten Zeiten nach und verpasst es die richtigen Schritte in die real existierende Zukunft zu machen.

Ich spreche nicht von den Blödmännern (und Dooffrauen), welche den verlogenen Märchen des rechten Pöbels ihr Gehör schenken. Ich spreche von ganz normalen Privatanlegern, welche sich von den Medien einreden lassen, dass sie wegen der EZB und deren Nullzinspolitik quasi enteignet werden. Das ist Unsinn.

Abschied von einem konservativen Credo: Spare in der Zeit…

Ich will heute nicht wieder davon berichten, dass es einen Unterschied macht, ob man Zinsen bekommt, welche nach Abzug von Steuern und Inflation zu einer negativen Wertentwicklung des Vermögens führen oder keine Zinsen erhält, dafür aber auch keine Steuern zahlen und Kaufkraftverluste in Kauf nehmen muss. Das habe ich in unterschiedlichen Beiträgen bereits schon ausführlich dargelegt.

Wovon ist spreche ist der geistige Brexit, welche die Deutschen in Bezug auf Ihr Sparverhalten an den Tag legen. Gemäß einer Studie des  Marktforschungsinstituts GfK haben die Deutschen als Folge der Nullzins-Phase ihre Sparquote angepasst: Weil es keine Belohnung mehr gibt, wenn man Monat für Monat ein paar Kröten auf dem Konto lässt, steigt in jüngster Zeit die Bereitschaft das Geld zu verjubeln. Na bravo!

Nun bin ich persönlich zwar der Meinung, dass die Sparquote in Deutschland viel zu hoch ist. Allerdings ist damit nicht gemeint, dass man weniger zur Seite legen soll. Die Idee war, statt klassisch mit Zinswerten zu sparen, das Geld direkt in die Wertschöpfung zu investieren. Von einer solchen Entwicklung ist aber nichts zu erkennen.

Die Umverteilung findet statt – weil die Mehrheit schläft, statt handelt

Die tatsächliche Umverteilung von Vermögenswerten findet statt, weil eine Minderheit mit Zugang zu den Kapitalmärkten in Sachwerte und Wertschöpfung investiert, während die Mehrheit konservativ ist und keine neuen Erfahrungen machen will. Entweder Sparkonto oder gar nichts. Oder Mediamarkt…

Mit Verlaub: dieses Verhalten ist dumm. Man könnte seit dem 24.6.2016 sagen: dieses Verhalten ist Brexit (Ich werde vorschlagen, dass man den Begriff „Brexit“ in den Nachschlagewerken als „unvernünftiges, rückwärtsgewandtes Handeln ohne Hirn, Herz und Verstand“ übersetzt wird)!

Der Mensch ist trotz Brexit weiterhin konservativ (ich muss mich ja an irgendetwas halten…) und meidet deshalb aus Angst jede Form von Risiko. Kann ich nachvollziehen. Aber folgende einfache Rechnung soll Ihnen zeigen, wie Brexit ein Aussteigen aus dem Sparprozess ist.

Lohnt sich Sparen überhaupt noch?

Bekanntlich öffnet sich für alle Menschen, welche nicht bereits in Rente sind, in den nächsten Jahren die Versorgungslücke im Alter in einem erschreckenden Umfang. Es macht also für ängstliche Menschen und solche, welche die letzten 30 Jahre ihres Lebens nicht auf Hartz IV Niveau leben wollen durchaus Sinn vorzusorgen. Das geht nun mal nur, wenn man auf einen Teil des heutigen Konsums zugunsten des Konsums der Zukunft verzichtet und spart.

Brexit-der-Abschied-des-Deutschen-vom-SparenWir vergleichen vier Szenarien:

  • Eine klassische mit einer Sparquote von 100.- EUR pro Monat über 20 Jahre (3% Zins)
  • Eine aktuelle mit einer Sparquote von 100.- EUR pro Monat über 20 Jahre (0% Zins)
  • Einem Aktiensparplan mit 100.- EUR pro Monat über 20 Jahr (5% Ertrag p.a. – 20% Verlust im letzten Jahr)
  • Einem Konsumplan ohne Spareinlage

Das Ergebnis ist eindeutig. Es geht dabei gar nicht um die Sparquote, welche absurderweise über 20 Jahre gleich hoch bleibt. Es geht auch nicht um die Renditen, welche frei gewählt sind. Es geht darum, dass am Ende diejenigen etwas auf der Seite haben, welche sparen. Jene die nichts tun, weil Ihnen kein Zins zu wenig Anreiz bietet Geld zur Seite zu legen, werden am Ende nichts haben. So einfach ist das.

Hören Sie also nicht auf das Gelaber der Politiker/innen, Konsumentenschützer und Wirtschaftsjournalisten, welche den Weltuntergang prophezeien, weil die Zinsen am Boden sind. Es ist am Ende völlig egal wie hoch Ihre Rendite wirklich ist: wenn Sie etwas tun, haben Sie am Ende etwas. Ansonsten: Brexit!

Wer Vergangenheit säht, wird Vergangenheit ernten

Wer allerdings lieber in einer Märchenwelt lebt und glaubt, dass die rechten Schreihälse Ihnen die gute alte Welt zurückbringen und Sie nur geduldig darauf zu warten brauchen, bis die Rente wieder erhöht werden (weil diese schmarotzenden Ausländer uns nicht mehr auf der Tasche liegen und dieses Geld dann für sinnvollere Dinge ausgegeben werden kann) und der gewohnte Zinsertrag Sparen wieder lohnend macht, der könnte sich enttäuscht sehen. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass in den guten alten Zeiten lukrative Kriegsanleihen gab.

Das ist eben die Kehrseite jener Geschichte, den die braunen Demagogen verkünden: Wo nationale Gefühle geweckt werden, bekommt der Leichenbestatter früher oder später immer reichlich zu tun. Und egal was man Ihnen verspricht: wenn der Pöbel wütet, zahlen die kleinen Fische den höchsten Preis. Die Dicken wissen sich zu helfen. Brexit!

Daniel S. Batt
Dipl. Finanzplaner mit eidg. FA (FH)
Geschäftsführer der TWC Consulting GmbH

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Alte Adresse der TWC Consulting GmbH in München. Finanzplanung, Vermögensberatung, Rentenberatung auch in Hamburg, Schondorf am Ammersee und Friedrichstadt